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Opa Beckers

Zeitzeugen > Meine Großväter

"Der Mann mit der blauen Matrosenmütze brachte ihm den Glauben an die
Menschlichkeit
wieder"

Mein Opa, ein Membacher Wider- ständler und sein deutscher Be- wacher - Vierzig Jahre danach standen sie sich wieder gegen- über

VORWORT

Nicht ein einziges Mal habe ich meinen Opa auf seine Zeit als Dolmetscher bei der Résistance sowie politischer Ge- fangener im Kamp Beverlo angesprochen. Nicht ein einziges Mal habe ich mich mit meinem Opa über seine Reisen nach Verdun, Rouen, Caen, Sainte-Mère-Eglise,... unterhalten.

Mein Opa - Opa Beckers - verstarb im Jahre 1999 an einer unheilbaren Krankheit. Zu gerne hätte er seine Erlebnisse mit Familienangehörigen geteilt. Zu gerne hätte er die Reisen zu den Kriegsschauplätzen mit Leuten seinesgleichen angetreten. Leider interessierte sich meine Familie nicht für seine Geschichte, auch ich nicht.

Heute sauge ich alles, was mit den damaligen Kriegsereignissen auch nur ansatzweise zu tun haben könnte, regel- recht auf. Heute weilt mein Opa nicht mehr unter uns.

September 44. Die Westfront ist nicht mehr zu halten - Im Kamp Beverlo geht der Alltag weiter

Charles de Gaulle marschiert in Paris ein, die Alliierten haben inzwischen die Seine überschritten und nach dem britischen Durchbruch in Richtung Antwerpen scheint die Befreiung Brüssels nur noch eine Frage von Tagen.
Doch eine Autostunde ostwärts, im Kamp Beverlo am Albertkanal, geht der Alltag erbarmungslos weiter, als wäre nichts geschehen. Die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal, Schläge und Demütigungen des Wachpersonals sind an der Tagesordnung.
Dem Gefangenen mit der Nummer 6116 geht es da nicht besser. Noch kürzlich wurde der Unglückliche von seinem deutschen Aufseher mit dem Gewehrkolben durchgeprügelt, weil er beim Appell aus der Reihe getre- ten war, um sich drei Löwenzahnblätter fürs Abendbrot zu sichern. "Wann kommen denn endlich die Ameri- kaner?", fragt er sich.

Die Befreiung von Brüssel ist nur noch eine Frage von Tagen...

Im Kamp Beverlo herrschen weiterhin untragbare Zustände

Beverlo vor der Bombardierung von Mai 44

Beverlo nach der Bombardierung

Nummer 6116 fühlt sich plötzlich wie im Fünf-Sterne-Hotel

Noch ahnt der Gefangene mit der Nummer 6116 nicht, dass der 1. September 1944 ihm zwar nicht die Freiheit, wohl aber den Glauben an die Menschlichkeit wiederbringen wird...

Da kommt ein deutscher Hilfswärter in die Baracke. "Ein Neuer", wird geflüstert. "Ihr seid ja noch dreckiger dran als wir", sagt der blutjunge Deutsche in Matrosenuni- form und stellt sich vor. "Heinrich Bolldorf aus Kaisers- lautern. Ich muss hier eine Disziplinarstrafe absitzen und in der Lagerverwaltung aushelfen".

"
Der ist nicht wie die anderen", denkt Nummer 6116. Und tatsächlich. Als bald darauf der junge Wärter wieder in der Baracke erscheint, trauen die Gefangenen ihren Augen nicht. Heinrich Bolldorf schleppt einen Eimer Wasser heran und holt Brot aus der Jacke hervor, das er in der Lagerküche organisiert hatte.

Nummer
6116 fühlt sich plötzlich wie im Fünf-Sterne- Hotel u. schlägt dem Deutschen dankbar auf die Schul- ter mit den Worten: "Du bist ein toller Kerl, Heini!".

Heinrich Bolldorf

"Den Heinrich sehen wir nie wieder..."

Vier Tage dauerte diese begnadete Zeit. Vier Tage, an denen Heinrich Bolldorf die gewagtesten Tricks vollführte und Kopf und Kragen riskierte, um die Not seiner belgischen Freunde etwas zu lindern.
Am Abend des 4. September 1944 betrat der Kriegsmatrose zum letzten Mal die Baracke. In voller Kampfausrüstung und halb betrunken. Anstelle von Brot und Wasser hatte er dieses Mal Handgranaten bei sich.
"
Ich muss zur Front!", sagte Bolldorf. Seinem Freund mit der Nummer 6116 steckte er nur zwei Handgranaten zu und meinte: "Die kannst du bald gebrauchen. Morgen bist du frei. Au revoir, mes amis!". Alle blickten sich erschüttert an und der Gefangene mit der Nummer 6116 sagte nur: "Den Heinrich, den sehen wir nie wieder".

Joseph Beckers, der politische Gefangene mit der Nummer 6116,... mein Opa,...

Joseph Beckers zur Zeit der Résistance - Mein Opa

Wie so manche junge Männer aus seinem Dorf, hatte mein Opa der Zwangseinziehung in die deutsche Wehr- macht nicht folgen wollen. Er tauchte in den Ardennen unter und wurde dort als Dolmetscher bei der Résis- tance tätig. Am 10. Juni 1944 - vier Tage nach der Lan- dung der Alliierten in der Normandie - schnappte ihn die deutsche Polizei. Das Lütticher Kriegsgericht sprach sein Urteil, Joseph Beckers kam nach Beverlo.

Nach vierzig Jahren sahen sie sich wieder

Den guten alten Heinrich wieder ausfindig zu machen, schien für meinen Opa utopisch: "Von der Front ist der bestimmt nicht zurückgekommen. Strafbataillone wur- den stets in die vordersten Linien geworfen. Und wenn schon. Meine Bekanntschaft mit Heinrich Bolldorf dauer- te nur vier Tage. Als ob er sich nach vierzig Jahren noch an Beverlo erinnern würde. Le passé ne revient plus!". Und doch sagte er sich: "Vielleicht gibts den Matrosen doch noch irgendwo in Deutschland".

Mein Opa probierte sein Glück beim Einwohnermeldeamt von Kaiserslautern. Zehn Tage später traf ein Brief des Po- lizeipräsidiums ein, womit im Grunde niemand gerechnet hatte: "Herr Heinrich Bolldorf ist für 6750 Kaiserslautern, Casi- mirring 111, polizeilich gemeldet". Und dann ging alles sehr schnell...

Vierzig Jahre danach, fast auf den Tag genau, standen sich der belgische Gefangene und sein deutscher Bewacher wieder gegenüber

Heinrich Bolldorf wurde Bundesbahner. Mein Opa, nur zwei Jahre älter, konnte sich endlich mit Reisfladen und Wein für Brot und Wasser revanchieren. "La guerre, une grande malheur...!", sagte Bolldorf beharrlich und schmunzelnd zugleich. Prompt schwelgten beide wieder in Erinnerungen.

Während sie sich dutzende Fotografien reichen, hebt Joseph Beckers sein Glas und sagt: "Heinrich, beim nächsten Krieg stehen wir auf derselben Seite!". Heinrich Bolldorf erwidert: "Nein, mon cher Joseph, Krieg, das darf es nie mehr geben".

Für den nächsten Tag planten mein Opa und Bolldorf einen Spaziergang ins Hohe Venn.

Der "Grenzland Report" widmete der Geschichte meines Opas in seiner Ausgabe vom 14. September 1984 eine ganze Seite. Eine Reportage von Werner Mießen.
Mein Vater hat den Artikel gut aufbewahrt. Hier die erste Seite (Originalblatt).

Das lose Blatt rechts und die Zeichnung unten entdeckte ich in einer Kiste aus dem Nachlass meines Opas, die mir meine Tanten u. Onkels freundlicherweise überlassen haben. Was genau mein Opa damit bezweckte, konnten mir bisher weder Familienangehörige noch direkte Bezugs- personen beantworten.

JOSEPH BECKERS

Wurde im Jahre 1922 in Membach, Baelen (B), als Sohn eines einfachen Textilarbeiters geboren.
Joseph BECKERS lebte für sein Vaterland und war Widerständler aus Überzeugung. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war er 17 Jahre alt.
Ein sehr engagierter Mann, der sich auch für karitative Zwecke einsetzte.
Joseph BECKERS gehörte außerdem sehr lange einer musikalischen Vereinigung an, APSAM, von der er Mitgründer war, später dann der Sekretär und Schatzmeister. Auf deren Internetseite ist heute noch Folgendes nachzulesen:

Aus dem Nachlass meines Opas

Sehr interessante (persönliche) Dinge fand ich in den Kisten vor, die aus dem Nachlass meines Opas stammen und mir die Familie überließ. Vieles davon hat mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. So u. a. fand ich in den Kisten eine Mitgliedskarte meines Opas beim Königlichen Verband der Kriegsveteranen vor, oder aber ein Foto, auf dem mein Opa anlässlich der offiziellen Einweihung eines Kriegerdenkmals in Nereth abgebildet ist. Nicht schlecht guckte ich aber, als ich in den Kisten zwischen zahlreichen anderen Dokumenten und Fotografien eine Postkarte eines Herrn (Soldaten?) russischer Herkunft - Gregori Titov - an meinen Opa entdeckte. Beim Durchsuchen der Kiste fiel ich dann etwas weiter auf eine Kopie, die eindeutig einen Briefumschlag mit hand- schriftlichem Vermerk meines Opas an besagtem Russen zeigt, versehen mit entsprechender Frankierung. Es war die Résistance, die womöglich auf Ersuchen meines Opas die Adresse des Russen ausfindig gemacht hat. Das weiß ich so genau, da sich in der Kiste außerdem das dazugehörige Schreiben der Résistance (datiert auf den 10. März 1989) befand.

Toller Fund

Wären da noch zwei Fotos, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Darauf erkennt man einen amerikanischen Jeep mit Amerikanern, eine Frau und zwei Burschen in Zivil (Bild 2, am Lenkrad und auf der Motorhaube), wovon min- destens einer ein Belgier. Das weiß ich so genau, da die Person rechts außen im Bild mein Opa ist...! Diese Aufnahmen wurden vermutlich Ende April, Anfang Mai 1945 gemacht, als Hitler Selbstmord begang ("HITLER DEAD") bzw. die deutsche Wehrmacht bedingungslos kapitulierte und die Welt von Nazi-Deutschland befreit war.

Mein Opa Beckers

War von Natur aus ein überaus nervöser Mensch, der immer nach der Uhr lebte. Wo er auch war, seine Armbanduhr war sein ständiger Begleiter. Ich kenne meinen Opa Beckers als relativ zurückhaltenden, aber durchaus korrekten Menschen. Als wahrer Patriarch war er immer ansehnlich gekleidet und ging niemals bzw. selten ohne seine Krawatte aus dem Haus. Er zeichnete gerne (die Zeichnung rechts wurde von meinem Opa angefertigt; sie zeigt die Membacher Dorfkirche). Tra- ditionell fuhr er mit meiner Oma jeden Mittwoch nach Bastogne (warum gerade Bastogne?), um dort auf der 'Place General McAuliffe' (warum gerade dieser Platz?) gut bürgerlich zu speisen, seinen Irish Coffee zu trinken und dann wieder nach Hause zurückzukehren. Sie hinterlegten also allein am Mittwoch Woche für Woche etwa 350-400 km. Das schlug natürlich auf den Zählerstand seines Vehicles. Bei seinem Tod hinterließ er einen alten Peugeot, 9 Jahre alt, 400.000 km (!) auf dem Buckel. Der Wagen wurde einem Vetter überlassen, und wer es glaubt, der Peugeot fuhr noch einige Jahre vollkommen problemlos.

Das ist mein Opa - Opa Beckers gewesen. Er verstarb am 13. Dezember 1999 an einer unheilbaren Krankheit. Er und meine Großmutter ruhen heute auf dem Friedhof von Membach. Mögen ihre Seelen Ruhe und Frieden finden für alle Ewigkeit.

Opa Beckers als toffer Kerl

Opa Beckers kurz vor seinem Tod

Opa Beckers

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