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Die Nachkriegszeit

Familien-Erinnerungen


Wie einige meiner Familienangehörigen, d.h. mein Opa väterlicherseits, mein Vater und meine Onkels als ostbel- gische Familie die Nachkriegszeit erlebten.

Mein Opa väterlicherseits (Mathieu Bauer) war Gerichtsvollzieher. Im September 1944, als alle Beamten, die nicht mit der Wehrmacht abgezogen waren, der Kollaboration bezichtigt wurden, war mein Opa einer der wenigen verbliebenen politisch unbelasteten Amtspersonen. In der Ausübung seines Berufes oblag es ihm unter anderem, Gerichtsbeschlüsse zuzustellen. Dazu gehörten natürlich auch politische Urteile und Ausbürgerungsbescheide. Die Übermittlung solcher Dokumente war nicht einfach, denn als „Überbringer schlechter Nachrichten“ wurde er wie- derholt beschimpft, sodass er manchmal Polizeischutz anfordern musste.

Die Gerichtsakten wurden von 'Gendarmen' überbracht. Anders als die örtliche Polizei waren die 'Gendarmen' Furcht einflößende Gestalten, die damals, genauso wie die Zöllner an der Grenze, als „Besatzungssoldaten“ em- pfunden wurden.

Der tägliche Besuch der Uniformierten mit den hohen Schirmmützen in das Elternhaus flößte meinem Vater, meinen Onkels und ihren Spielkameraden großen Respekt ein. Wenn sie in das Wartezimmer eingelassen wurden und mein Vater oder meine Onkels ihren Besuch meldeten, kramte mein Opa aus dem Schrank ein dickes Buch hervor, um es gut sichtbar ins Regal zu stellen. Es trug den Titel: „Le livre d’or de la résistance“. Mein Opa war immer erleichtert, als die Männer von der 'Armée blanche' wieder abgezogen waren.

Zu Hause wurden – zumindest in Gegenwart der Kinder – politische Fragen nicht erörtert. Mein Opa verkehrte privat mit allen „Parteien“. Er trank sein Bierchen sowohl mit dem allseits gefürchteten Polizeikommissar, der in einem Konzentrationslager gewesen war, als auch mit dem armamputierten Stalingradkämpfer. Er verkehrte so- wohl in der Gastwirtschaft, in der von der Olympiade in Berlin 1936 vorgeschwärmt wurde, als auch in der Kneipe des jüdischen Wirtes, der knapp dem Holocaust entkam.

Mein Vater und meine Onkels landeten alle in der Pfadfinderschaft, die als patriotische Vereinigung galt und sich mehrheitlich aus Sprösslingen gutbürgerlicher, frankophoner Elternhäuser zusammensetzte. Damit waren sie als Probelgier eingestuft.

Die deutsche Muttersprache hatte damals einen schweren Stand. Einige Lehrer redeten überhaupt kein Deutsch, andere nur ein mangelhaftes, weil sie aus Altbelgien (u.a. Montzen) stammten. Bis spät in die 50er Jahre spra- chen alle Lehrer, selbst solche, die aus dem gleichen Eifeldorf kamen, untereinander nur Französisch. Mein Vater und meine Onkels nahmen daran keinen Anstoß, weil sie dieses Rollenspiel von daheim gewohnt waren. Sie empfanden es auch als normal, dass sie mit dem Wechsel von der Volksschule an das Gymnasium von heute auf morgen nur noch in französischer Sprache unterrichtet wurden.

In der Schule wurde einer meiner Onkel einmal Zeuge eines Vorfalls. Ein Lehrer prügelte wegen einer Bagatelle sinnlos auf einen Klassenkameraden ein. Später erfuhr er, dass hier offene Rechnungen beglichen wurden.

Die allermeisten Lehrer, gerade auch die auswärtigen sprich die wallonischen, verhielten sich größtenteils un- korrekt gegenüber den Schülern. Der Musiklehrer beispielsweise übte mit den Schülern sowohl den „Valeureux Liégeois“ wie das Doppelsinnige „Die Gedanken sind frei“. Es gab aber Ausnahmen. Wie der Eupener Pädagoge, der bei jeder passender wie unpassender Gelegenheit davon sprach, dass die Deutschen „Crétins“ (dtsch. Dummköpfe) seien. Obwohl es nicht sein Fach war, war die Judenvernichtung im Dritten Reich eines seiner großen Themen. Er redete so hartnäckig auf seine Schüler ein, dass sie am Ende glaubten, sie wären mit- schuldig, nur weil sie Deutsch sprachen. Manchmal führte er seinen Schülern den NS-Film „Eupen-Malmedy ist wieder deutsch“ vor, ein deutscher Propagandastreifen von 1940. Darin sah man Hitlerjungen, die bei einer Mutprobe vom Dach der Schule in die offenen Fangtücher der Feuerwehr sprangen.

Vor allem an den Sonntagen der Nachkriegszeit herrschte eine tödliche Langeweile. Sonn- und Feiertage waren wie ein Uhrwerk nach den Gottesdiensten geregelt. Neben den Kindermessen am Morgen kamen nachmittags die Andachten hinzu. Die Geistlichkeit hatte in der Nachkriegszeit jedenfalls immer volles Haus.

An Karneval (Fastnacht) oder auch bei Sportveranstaltungen verschaffte sich die Volksseele etwas Luft. Auf den Fußballrasen wurden die Kicker der AS Eupen von „Supportern“ auswärtiger Mannschaften durchweg als „Sales boches“ beschimpft, was mit wütenden Beschimpfungen des „Welschen Kraus“ quittiert wurde.

Die Grenze nach Deutschland war von den belgischen Behörden fast so hermetisch abgeriegelt wie später die Zonengrenze durch die DDR. Am Grenzübergang gab es ähnlich komplizierte Prozeduren zu bewältigen. Wenn mein Vater und meine Onkels danach mit Schokolade, Butter und Kaffee bei ihren deutschen Verwandten und Bekannten eintrafen, wurden sie wie reiche Vettern aus Amerika empfangen. Mehr als alle patriotischen Vorträge im Geschichts- und Geographieunterricht weckte das so etwas wie Stolz auf ihren belgischen Pässen.

Auszüge aus dem Text "Eine bleierne Zeit", geschrieben von einem Onkel väterlicherseits, dem ich hiermit sehr zu Dank verpflichtet bin. Verschiedene Textpassagen leicht abgeändert.

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